Farner blickt durch.

Die Jäger im Visier

Tierschützer fordern ein Jagdverbot für Zürich. Entscheiden dürfen die Stimmbürger.

Artikel im Tages-Anzeiger vom 25. Oktober 2017 

Die Zahlen sind erstaunlich: Im Kanton Zürich leben 11'000 Rehe, davon schiessen Jäger pro Jahr bis zu 4500 ab, weitere 1500 kommen bei Unfällen auf der Strasse um. Private Jäger erlegen jährlich zudem Hunderte von Füchsen und Wildschweinen. Damit soll in ein paar Jahren Schluss sein, falls die Zürcher der Initiative «Wildhüter statt Jäger» zustimmen. Die Tierpartei Schweiz (TPS) hat diese im Juli mit 7300 Unterschriften eingereicht. Vor zwei Wochen publizierte das «Amtsblatt», dass das Begehren zustande gekommen ist. Wann die Initiative zur Abstimmung kommt, ist noch offen.

Die Tierpartei will die Hobby- und Milizjagd, wie sie sie nennt, ganz verbieten und auf eine natürliche Bestandesregelung bei den Tieren setzen. Darauf achten sollen staatliche Wildhüter. Schiessen dürften diese nur noch kranke und verletzte Wildtiere. Wildschäden soll der Kanton vergüten. Weiterführende Massnahmen – also Abschüsse – müsste eine Fachkommission mit Wildhütern, Wildtierbiologen, Veterinären und Vertretern aus Tier- und Artenschutzorganisationen beschliessen.

Die Initianten werfen den Jägern unter anderem vor, dass sie die Wildtierbestände künstlich hoch halten. «Sie schiessen jedes Jahr so viele Rehe, dass sie im darauffolgenden Jahr den Bestand wiederum regulieren können – das heisst, dass sie wieder auf die Jagd gehen können», sagt Tierpartei-Präsidentin Monika Heierli. Sie fordert von den Jägern in Zürich mehr Transparenz: So würden diese zum Beispiel keine Zahlen zu Fehlschüssen bekannt geben. Und Bestandeszahlen zu den Füchsen gebe es auch nicht.

Eine lange Liste mit Argumenten gegen die Jagd legen die Tierschützer vor. Sie glauben, dass die Kosten mit ihrem Modell wesentlich tiefer wären, die Artenvielfalt dagegen grösser und die Umwelt besser geschützt. Die Argumente reichen bis zum Suchtmittelkonsum: Wildhütern sei der Konsum von Alkohol beim Ausführen ihrer Tätigkeit im Gegensatz zu den Jägern verboten. Die Initianten setzen bewusst auch auf Emotionen: «Jäger verstossen mit ihren Jagdmethoden notorisch gegen schweizerische Tierschutzgesetze.» Als Vorbild gilt ihnen vor allem der Kanton Genf: Dort hat die Stimmbevölkerung die private Jagd tatsächlich 1974 abgeschafft, heute sind nur noch Wildhüter im Einsatz.

Von diesem Ansatz halten die hiesigen Jäger allerdings nichts. «Das Modell Genf als jagdfreier Kanton muss als gescheitert betrachtet werden», sagte Christian Jaques, Präsident von Jagd Zürich, gestern vor der Presse. Die Zahlen könnten nicht verglichen werden: Zürich sei flächenmässig sechsmal grösser, die Waldfläche sei gar 15-mal grösser. Im Kanton Genf würden 350 Rehe gezählt, im Kanton Zürich dagegen 11'000.

Erstmals habe Genf 2016 ebenfalls 29 Rehe schiessen müssen. Und bei den Wildschweinen habe es in Genf 2016 insgesamt 290 Abschüsse gegeben. Rechne man die Landwirtschaftsfläche auf, müssten in Zürich damit 1850 Wildschweine geschossen werden, in Wirklichkeit seien es aber mit 750 deutlich weniger. Jaques erklärte auch, die 1300 Zürcher Jäger hätten alle eine längere Ausbildung hinter sich, die bis zur Jägerprüfung mindestens drei Jahre dauere. Sie bejagen das Wild in fünf Jagdbezirken, die wiederum in insgesamt 171 Reviere aufgeteilt seien. Da sie sich in ihren Gegenden gut auskennen würden, sei ein gezielter Eingriff möglich, um einen gesunden und ausgewogenen Wildbestand zu bewahren. Zudem würden die Jäger bei den 1500 Rehunfällen ausrücken – also bei täglich etwa vier Vorfällen. «Zu glauben, dass die durch die Initianten erwähnten 30 bis 50 Wildhüter diese eingespielte und bewährte Regulierung durch gut ausgebildete und verantwortungsvolle Jägerinnen und Jäger übernehmen könnten, ist reine Augenwischerei.»

«Angriff auf Milizsystem»

Die Nervosität bei den Jägern ist gross, obwohl die Volksabstimmung noch einige Zeit weg ist. So ist auch der ungewöhnlich frühe Auftritt des obersten Jägers des Kantons und seiner Mitstreiter zu erklären. Andreas Burri vom Zürcher Bauernverband betitelte die Initiative als «Wolf im Schafspelz»: «Sie kommt sanft daher. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich als unbedacht, kontraproduktiv und unberechenbar in ihrer Auswirkung.» Für Kaspar Reutimann vom Waldwirtschaftsverband des Kantons ist mit dem Volksbegehren die natürliche Verjüngung des Waldes in Gefahr. Und Martin Farner, FDP-Kantonsrat, Gemeindepräsident von Oberstammheim und Mitglied des Gemeindepräsidentenverbandes, sieht einen «Angriff auf unser bewährtes Milizsystem». Die Initiative schränke die Autonomie der Gemeinden ein und zerstöre ein System, das zum Nutzen aller – auch dem der Wildtiere – bestens funktioniere.

Wenig beeindruckt vom Aufmarsch der Gegner ist Mitinitiantin Monika Heierli. «Es sind genau die Leute, die hinter der Jagd stehen.» Sie ist wie ihre Gegner überzeugt, dass die Initiative hitzige Debatten auslösen wird und der Abstimmungskampf hart und emotional wird. (Tages-Anzeiger)


25.10.2017 | Kategorie: Staatswesen, Gemeinden , Medien - Print 


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